Der Wolf in NRW

Beschlossen am 19.02.2016

Seit dem Nachweis der ersten Wolfswelpen in Sachsen vor 15 Jahren gilt der Wolf als wieder heimisch in Deutschland. Auf 41 Wolfsrudel und Paare wird heute der Bestand geschätzt, dazu kommen Dutzende abwandernde Jungwölfe auf der Suche nach neuen Territorien. Ausgehend von Sachsen ist der Wolf inzwischen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen dauerhaft nachgewiesen. In Bayern, Thüringen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gibt es Einzelnachweise. Es ist also nicht die Frage, ob der Wolf nach NRW zurückkehren wird, sondern wann er das tut. Erste Nachweise gab es schon 2009, bestätigt wurde er 2014 in den Kreisen Minden- Lübbecke und 2015 Siegen-Wittgenstein. Es ist hochwahrscheinlich, dass aus Niedersachsen abwandernde Wölfe in naher Zukunft den Nordosten Nordrhein-Westfalens besiedeln werden. Der Teutoburger Wald und die Senne, das Sauerland und Rothaargebirge sowie die Eifel sind

in NRW Wolferwartungsgebiete. In den angrenzenden Niederungsregionen wird nach den Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern mit dem Wolf ebenfalls regelmäßig zu rechnen sein.

Wolfsmanagement in NRW etablieren

Über die Rückkehr des Wolfes wird seit Jahren eine Debatte zwischen Naturschutz und Landwirtschaft geführt, auch Jägerschaft und Hobbytierhalter stehen dem Wolf durchaus kritisch gegenüber, während in weiten Teilen der Bevölkerung ein eher romantisierendes Bild gepflegt wird.     Dabei kommt Politik und den Behörden die entscheidende Rolle zu, die konfliktträchtigen Interessen-Kollisionen zwischen Naturnutzern und Naturschützern zu moderieren. Das dafür geeignete Instrument „Wolfsmanagement“ ist in Nordrhein-Westfalen allerdings bisher noch nicht etabliert. NRW ist damit das letzte Bundesland ohne Wolfsmanagementplan.

„Durch ein kluges Wildtiermanagement können Konflikte zwischen Wölfen und menschlichen Interessen gering gehalten werden.“ (Reinhard u. Kluth, LUPUS 2015)

Karte der geeigneten Wolfshabitate in Deutschland, Kaczensky et.al. 2010

Akzeptanz fördern und erhalten

Die LAG Wald, Landwirtschaft & ländlicher Raum versteht sich als Vertretung der Land- und Forstwirtschaft und der ländlichen Bevölkerung innerhalb B’90/Die Grünen in NRW. Sie befindet sich damit an der Reibungsfläche vieler Politikfelder: Landwirtschaft, Tierschutz, Siedlungspolitik und Naturschutz. Dabei ist grundsätzlich festzuhalten: der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen dient nach unserer Überzeugung immer auch den Interessen der Land- und Forstwirtschaft. Die Wiederbesiedelung unseres Bundeslandes durch den Wolf und andere große Raubtiere ist auch Ausdruck eines erfolgreichen Landschafts- und Artenschutzes. Dieser Erfolg ist ohne die konstruktive Mitwirkung engagierter Akteure auf dem Land nicht möglich, und dazu zählen auch Bäuerinnen und Bauern. Es gilt also, die Akzeptanz gerade auch der ländlichen Bevölkerung gegenüber dem Wolf zu erhalten oder zu gewinnen. Das ist das Ziel unserer Vorschläge.

Quelle: forsa Umfrage im Auftrag des NABU, 2015 (https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/wolf/150923-nabu-bericht-woelfe-in-deutschland.pdf)

Die repräsentative Studie zeigt: die größte Ablehnung erfährt der Wolf in ländlichen Regionen. Wir wissen: der Widerstand gegen seine Rückkehr ist innerhalb des landwirtschaftlichen Berufsstands am stärksten. Es ist heute schon zu erkennen, dass diese unterschiedliche Haltung in Stadt und Land von interessierten politischen Gruppen instrumentalisiert und geschürt wird. Es muss deshalb Ziel GRÜNER Politik sein, gerade die am meisten Betroffenen, also die Tierhalter auf dem Land, nicht mit den Problemen allein zu lassen. Insbesondere die Schaf- und Rinderhalter gehören zu den wirtschaftlich schwächsten Branchen in der Landwirtschaft. Sie dürfen nicht zusätzlich mit den Kosten des Herdenschutzes und Verlusten sowie Folgeschäden durch  Wolfsangriffe belastet werden. Man wird den Erfolg eines klugen Wolfsmanagements daran messen können, ob die Ansiedlung von Wölfen  in dieser Interessensgruppe mehrheitlich akzeptiert werden wird oder nicht. Für uns GRÜNE ist dabei wichtig, dass gerade die durch den Strukturwandel  immer weiter zurückgedrängte  bäuerliche Landwirtschaft nicht zusätzlich durch den Wolf in ihrer Existenz gefährdet wird.

 

Entscheidend für diese Akzeptanz wird also sein, wie der in Zukunft zu erwartenden Bedrohung von Nutz- und Hobbytieren begegnet und vorgebeugt wird. Dazu fordern wir die Landesregierung auf, den betroffenen Tierhaltern eine bestmögliche Unterstützung zu gewähren. Diese sollte in kompetenter fachlicher Beratung und angemessener finanzieller Unterstützung von geeigneten Schutzmaßnahmen bestehen. Erfahrungen zu bewährten Herdenschutzmaßnahmen (wolfssichere Festzäune und E-Netze, Herdenschutzhunde) liegen aus vielen Bundesländern vor, sie müssen auch in NRW in die Regelungen des Wolfsmanagement einfließen. Praxisnahe Rahmenbedingungen gehören dazu: so sollten Entschädigungen gezahlt werden, wenn der Wolf als Verursacher nicht ausgeschlossen werden kann. Die Haftung bei Folgeschäden, z.B. durch ausgebrochene Tiere nach einem Wolfsangriff, darf die Tierhalter nicht in Anspruch nehmen. In den sicher zu erwartenden Fällen, in denen Schutzmaßnahmen entweder noch nicht eingeführt sind oder aber vom Wolf überwunden werden und es zu Rissen bzw. Verletzungen von Weidetieren kommt, müssen die aus Wolfsangriffen resultierenden Schäden schnell, ausreichend und möglichst unbürokratisch kompensiert werden. Eine angemessene Kompensation muss sowohl den Ersatz der getöteten/verendeten Tiere als auch die Behandlungs- und Ertragsschäden berücksichtigen, die aus Zuchttierverlusten, Verletzungsfolgen, Verlammungen/Verkalbungen sowie Zuwachsminderungen und Milchverlusten bei Milchtieren bestehen.

Es sollte von Beginn an eine Regelung gefunden werden, die Ausgleichszahlungen von den Beschränkungen der europäischen de-minimis Regelung ausnimmt.

Die LAG legt dabei Wert auf die Feststellung, dass lange Bearbeitungszeiten, Verzögerungen, bürokratische Behinderungen oder auch restriktive Handhabung der angebotenen Möglichkeiten die oftmals vorhandene Skepsis der Tierhalter noch steigern werden und eine Eskalation auf diese Weise sicher erscheint. Eine erfolgreiche Strategie setzt eine der Landwirtschaft zugewandte Haltung beim Wolfsmanagement voraus.

Weideprämie neu gestalten!

Die gesellschaftlich gewünschte, von uns Grünen geforderte und maßgeblich unterstützte Weidehaltung wird durch die Rückkehr des Wolfes erschwert und führt in jedem Fall zu deutlich höheren Kosten und Arbeitsaufwand. Gerade in der Schafhaltung wird dieser zusätzliche Aufwand durch die sehr extensive Weidehaltung hoch sein, er kann zu weiteren Betriebsaufgaben führen. Der Landtag NRW hat im Juni 2014 aufgrund der rapide abnehmenden Zahl schafhalternder Betriebe einstimmig beschlossen, die Zukunft der Schafhaltung in Nordrhein-Westfalen zu sichern. Wir schlagen deshalb vor, die Weideprämie für alle Nutztierarten (insbesondere Mutterkühe, Schafe und Ziegen) zu prüfen und dabei die höheren Belastungen durch den aufwändigeren Herdenschutz zu berücksichtigen.

Es sollten sowohl personelle als auch finanzielle Kapazitäten bereitgestellt werden, um den in den nächsten Jahren auf NRW zukommende Belastungen rechtzeitig begegnen zu können. Die LAG befürwortet dabei

eine intensive Zusammenarbeit mit den Naturschutz- und Tierhalterverbänden, um flächendeckend kompetente und schnelle Beratung und Hilfe bereitstellen zu können. Es ist davon auszugehen, dass zwischen den ersten Wolfsichtungen und größeren Schadensfällen nur wenige Jahre vergehen werden. So wurde in Niedersachsen der erste Wolf 2006 gesichtet. 2014 kam es zu 74 bestätigten Wolfsrissen, in 2015 schon zu 134 bestätigten Rissen bis Mitte November. Eine solche Dynamik überfordert Verwaltung, Landwirtschaft und Öffentlichkeit und beschädigt eine auskömmliche Entwicklung der Kohabitation von Wolf und Mensch. Hier muss GRÜNE Politik in NRW vorausschauend handeln!

Erarbeitet für die LAG: Seb Schäfer

und

Karin Viesteg, OV Marienheide

Verwandte Artikel